Soeben gelesen

Buchtitel


Die Reiter der Apokalypse
Geschichte des Dreißigjährigen Krieges
(1618 – 1648)



Verlag C.H. Beck oHG, München

2018

Autor

Georg Schmidt
Prof. Dr. phil. I
22.12.1951 in Alsfeld/Hessen


Professor für Geschichte der frühen Neuzeit an der Universität Jena mit dem Forschungsschwerpunkt Sozial- und vor allem Verfassungsgeschichte des frühneuzeitlichen Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation.

Besprechung

Das Jahr 2018 bildete die Einladung für viele Autoren, sich mit einer Arbeit zum Dreißigjährigen Krieg zu präsentieren. Georg Schmidt, Historiker an der Universität Jena, legte ein bemerkenswertes, umfassendes Werk vor.

Im Jahre 1618 trieb eine längere, schwere Auseinandersetzung zwischen dem böhmischen Adel und dem habsburgischen Kaiser einem Höhepunkt zu. Die lokalen Adligen fürchteten den Verlust ihres evangelischen Glaubens, ihrer Privilegien und ihrer nationalen Autonomie. Am 23. Mai 1618 wurden die habsburgischen Statthalter Graf Wilhelm Slawata und Graf Jaroslaw Martinitz samt dem Sekretär Philipp Platter nach einem heftigen Streit auf dem Prager Hradschin von den adligen Protestanten kurzerhand aus dem Fenster in die Tiefe gestürzt, der Prager Fenstersturz – um genau zu sein, der zweite Prager Fenstersturz.

Dieses Ereignis gilt als Beginn des Dreißigjährigen Krieges, der verheerende Folgen für ganz Deutschland, Böhmen und auch angrenzende Gebiete (Sundgau, Elsaß, Lothringen und weitere) brachte. In der allgemeinen Geschichtsschreibung wird die Unterzeichnung des Westfälischen Friedens in Münster am 24. Oktober 1648 als Beendigung des langen Krieges gewertet. Das, obwohl es noch verschiedene Nachzügler-Auseinandersetzungen bis ins Jahr 1652 gab. Der Westfälische Frieden, der zur Hauptsache in Osnabrück über mehr als vier Jahre ausgehandelt wurde, brachte viele Neuregelungen für das mittlere Europa. Unter anderem kamen das Elsaß, Lothringen und der Sundgau zur französischen Krone. Der Sundgau gehörte damals noch nicht zum Elsaß.

Vor allem die deutsche Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts stilisierte den Dreißigjährigen Krieg zur großen konfessionellen Auseinandersetzung, die hundert Jahre nach der Reformation ausgetragen wurde. Man benutzte dieses Narrativ als Blaupause für eine preußische Mission zur Gründung des deutschen Nationalstaates.

Schmidt zeigt in seinem umfassenden Werk, daß der Dreißigjährige Krieg wesentlich andere Antriebe und Zielsetzungen hatte. Die konfessionelle Auseinandersetzung war auf der ganzen Strecke ein stets präsentes Element, aber es war nicht der entscheidende Grund. Schmidt sieht den Krieg auf vier unterschiedlichen Ebenen, die sich aber immer wieder gegenseitig stark beeinflußten.

Hauptantrieb war der habsburgische Wille, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, dem sie zumeist als Kaiser vorstanden, in einen universalmonarchischen Staat zu verwandeln.

Eine zweite Ebene war der Widerstand der Reichsfürsten, die ihre Freiheiten und ihre Autonomien nicht abgeben wollten. Sie wollten ihre Rolle im Reichs-Staat – wie Schmidt das staatliche Konstrukt zu bezeichnen pflegt – unbedingt behalten. Dazu gehörte auch und vor allem das Wahlrecht der Kurfürsten, jedesmal nach dem Tod eines Kaisers den Nachfolger zu wählen, zu erküren.

Eine dritte Ebene des langen Krieges war rein machtpolitischer Art. So wollten verschiedene Reichsfürsten, z.B. die bayerischen Herzöge oder hessische Landgrafen ihren Herrschaftsbereich zu Lasten anderer ausdehnen. Auch der in seiner Bedeutung alles überragende kaiserliche Heerführer Wallenstein verfolgte neben her auch noch ganz eigene Interessen. Bis in unsere Tage gibt es eine Reminiszenz an diese machtpolitischen Aspekte des Dreißigjährigen Krieges; es ist der bayerische Regierungsbezirk Oberpfalz, den wir heute als völlig zusammenhangslos zur rheinischen Pfalz wahrnehmen.

Die vierte Ebene ist die Einmischung von andern Königreichen in die kriegerischen Auseinandersetzungen, die sich hauptsächlich innerhalb des römisch-deutschen Reiches abspielten. Zu diesen Einmischern gehört zuvorderst der schwedische König Gustav II. Adolf. Er wurde in diesem Krieg vor allem als der lutherische Vorkämpfer zu einem protestantischen Deutschland gesehen. Schmidt zeigt, daß der Wasa-König und sein Kanzler Oxenstierna aber zuallererst ein schwedisches Reich rund um die Ostsee im Auge hatten. Doch der Dreißigjährige Krieg zeigte so abenteuerliche Verläufe, daß sogar der Sundgau, und damit auch Oberwil, von schwedischen Truppen heimgesucht wurden. Auch der dänische König mischte sich – mehr oder weniger erfolgreich – ein. Das spanisch-habsburgische Königreich stand mit seiner Armee sogar in den Niederlanden. Die größte Besonderheit lieferte jedoch das erzkatholische Frankreich, dessen Politik von Kardinal Richelieu gestaltet wurde. Den hohen Prälaten und Kanzler der französischen Krone interessierten konfessionelle Themen kaum. Er verfolgte machtpolitische Ziele. Zu denen gehörte die Ausdehnung des französischen Königreiches ins Elsaß, nach Lothringen und bis zum Rhein. Genauso wichtig war ihm die Verhinderung einer habsburgisch-katholischen Universalmonarchie im bisherigen deutschen Reich. Und das wohl nicht zuletzt, weil er eine Umzingelung durch die österreichischen und die spanischen Habsburger fürchtete. In der Verfolgung seiner Ziele war ihm fast jedes Mittel recht, auf jeden Fall immer die politische und militärische Unterstützung der lutherischen und der reformierten Fürsten in den deutschen Reichsständen.

Der Westfälische Frieden hatte für die schweizerische Eidgenossenschaft einen besonderen Nebeneffekt. Der Basler Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein erreichte auf dem Friedenskongreß die Loslösung der Eidgenossenschaft vom Reich. Aus meiner Sicht ist sicher dieses Ereignis der richtige Zeitpunkt, um den Beginn einer souveränen Schweiz und ihrer Neutralität anzusetzen.

Das Werk von Georg Schmidt ist sehr umfassend und mit der ungeheuren Menge und Dichte an fachlichen Informationen nicht ganz leichte Kost. Deshalb vermißt man bei dieser gründlichen und überzeugenden Darstellung des Dreißigjährigen Krieges manchmal Erläuterungen zu Fachausdrücken, die selbst andern Historikern nicht gerade geläufig sein dürften. Und im gleichen Sinne ist es ein gewisser Mangel, daß das Werk zwar ein gutes Personen- aber leider kein Sachregister aufweist – im Computerzeitalter nicht ganz verständlich.

RMSonntag, 24.Februar 2019