Soeben gelesen

Buchtitel

Nos illustres Inconnus

Ces oubliés qui ont fait la France

Éditions Albin Michel Paris 2018
ISBN 978-2-226-43745-7

Autor

Jean-Louis Debré

franz. Jurist, Politiker und Publizist;
30.09.1944

Vertrauter von Premierminister und Staatspräsident Jacques Chirac;
war Innenminister, Präsident der Nationalversammlung und später Präsident des Conseil constitutionnel (oberstes franz. Verfassungsgericht);

Sohn von Michel Debré, 1959 – 1962 erster Ministerpräsident der V. Republik unter Staatspräsident Charles de Gaulle

Besprechung

Das Buch von Jean-Louis Debré ist eine geglückte Mischung aus Zeitgeschichte und Kurzbiographien. In 29 biographischen Darstellungen bringt einem der Autor Persönlichkeiten näher, die seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis in die Anfangszeit des 21. Jahrhunderts wichtige Impulse zur Entwicklung der französischen Gesellschaft und des Staates gegeben haben. Wenn es auch Porträts von einzelnen Personen gibt, die sogar dem politisch interessierten Schweizer noch etwas sagen, so sind für mich Robert Schuman, Pierre Mendès France, Jacques Chaban-Delmas und Philippe Séguin bekannte Namen. Doch die meisten Dargestellten sind wohl auch in der französischen Öffentlichkeit heute des inconnus. Aber solche Unbekannte, die dennoch eine gewisse Berühmtheit erlangt haben.

Jean-Louis Debré hat als Sohn des Résistance-Mannes und Politikers Michel Debré von Kindheit an einige der Porträtierten immer mitbekommen und einige auch als Politiker und oberster Verfassungsrichter Frankreichs persönlich gekannt. Er stellt seine inconnus in vier Themenfeldern zusammen:

> Liberté, Égalité, Fraternité – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

> Liberté de conscience et Laïcité – Gewissensfreiheit und religiöse Neutralität des Staates

> La France et les Institutions – Frankreich und seine Institutionen

> L'Europe – Europa

Mit der Auswahl der Persönlichkeiten und vor allem ihren politischen Hauptthemen gelingt es dem Autor, eine dichte Skizze von dem zu liefern, was im Untertitel des Buches angesprochen wird: Ces oubliés qui ont fait la France Die Vergessenen, die Frankreich gestaltet haben. Oder mindestens zu einem beachtlichen Teil.

Mir ist einmal mehr bewußt geworden, wie tief im französischen Denken des 20. Jahrhunderts und bis heute das Republikanische wurzelt. Nach der alten Monarchie, Napoleons erstem Kaiserreich, der Julimonarchie (1830 – 1848) mit dem Bürgerkönig Louis-Philippe und dem zweiten Kaiserreich unter Napoleon III. (1850 bis 1870) setzten sich die ursprünglichen Ideale der Französischen Revolution erst nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 in der III. Republik endgültig durch. Seither versteht sich Frankreich ausschließlich als republikanischer Staat.

Dieses republikanische Denken führte auch zur (fast) konsequenten Trennung von Kirche und Staat im Jahre 1905. Die daraus resultierende laïcité, also die bekenntnismäßige, religiöse Neutralität des Staates, ist bis in unsere Tage im politischen Selbstverständnis Frankreichs ein ganz wesentlicher Aspekt. In einigen Porträts wird sehr deutlich, wie stolz man auf diese laïcité ist, aber auch zugleich wie umstritten die daraus resultierenden Fragen im eigentlich tiefkatholischen Frankreich geblieben sind. Zwei Beispiele: Die Empfängnisverhütung war bis ins Jahr 1967 gesetzlich untersagt; die rechtliche Gleichstellung ehelicher und unehelicher Kinder wurde erst 1972 Gesetz – und das im Land der Französischen Revolution und der Erklärung der Menschenrechte von 1789! Drittes Beispiel: Politische Auseinandersetzungen um die staatlichen und die privaten Schulen drehen sich immer wieder um solche Fragen, bis in unsere Tage.

Debré schreibt kenntnisreich und mit guten Zitaten unterlegt. Sein Französisch wirkt leicht und präzis, weshalb das Buch auch für Fremdsprachler sehr gut zu lesen ist.

© Rudolf Mohler 2. Mai 2019